Filmkritik - Leviathan

(OT: Leviafan)
Russland (Drama)
Regie: Andrej Swjaginzew
Darsteller: Alexei Serebrjakow, Vladimir Vdowitschenkow, Elena Lyadova, Roman Madyanov, Anna Ukolova, Sergey Pokhodaev, Aleksey Rozin, Igor Savochkin u.a.

Szenenbild aus dem Film LeviathanSeit der Wettbewerbsteilnahme in Cannes 2014 ist die Tragödie um den Automechaniker Nikolai/Kolya nun endlich auch in Deutschland zu sehen. Genug Preise hat „Leviathan“ auch schon gesammelt. Nach dem Preis für das beste Drehbuch in Cannes, räumte er noch den Golden Globe 2015 für den besten fremdsprachigen Film und in der gleichen Kategorie eine Oscarnominierung ab. Der Oscar ging dann jedoch an „Ida“ aus Polen. Dieser Preisregen und die damit verbundene positive Presse brachte dann in Russland das Kulturministerium, das den Film auch noch gefördert hatte, was nahezu unglaublich ist, mächtig ins Schwitzen. Zu Erklären ist die staatliche Förderung natürlich aufgrund des bisherigen Werkes Zvyagintsevs. Schließlich hatte er schon 2003 für sein Meisterwerk „Die Rückkehr“ den Goldenen Löwen von Venedig gewonnen. Auch seine beiden nachfolgenden Filme „Die Verbannung“ und „Jelena“ sind auf den großen Festivals gelaufen und brachten gute Presse für die russische Kulturarbeit. In seinen drei ersten Spielfilmen konzentrierte sich Zvyagintsev jedoch ausschließlich auf familiäre Strukturen. Sicherlich spielte auch immer eine gesellschaftskritische Note in die Filme hinein, blieb jedoch deutlich im Hintergrund. Die grandiose Bildgestaltung war schon immer an Tarkovsky („Das Opfer“, „Stalker“) orientiert und die tragischen familiären Entwicklungen weisen Verwandtschaft mit den Tragödien von Strindberg und Bergmann auf.

Szenenbild aus dem Film LeviathanIn „Leviathan“ geht Zvyagintsev nun einen Schritt weiter und bettet eine familiäre Tragödie in einen gesellschaftlichen Kontext. „Leviathan“ nimmt gleichermaßen Bezug auf das unbesiegbare Seeungeheuer christlich-biblischer Überlieferung gleichen Namens, wie auf die Schrift Thomas Hobbes von 1651, in der er den unbesiegbaren Leviathan dem allmächtigen Staat gleichsetzte. Zu Beginn des Films holt Nikolai (Alexej Serebryakov) seinen Freund und Rechtsanwalt Dmitri Selesnjow (Wladimir Wdowitschenko) vom Bahnhof ab. Die Färbung des morgendlichen Himmels leuchtet zwar noch wie ein zarter Hoffnungsschimmer über der Szenerie, doch die gnadenlose Abwärtsspirale, die Nikolai mit sich reißen wird, lässt sich nicht aufhalten. Dmitri, ein angesehener Anwalt mit Verbindungen in Moskau, ist gekommen, um seinem Freund juristischen Beistand zu leisten. Er hat Informationen gegen den korrupten Bürgermeister Wadim Schelewjat ( Roman Madyanov) gesammelt, der Nikolai zum „höheren Wohle des Volkes“, einem prestigeträchtigen Investorenprojekt, von seinem attraktiven Grundstück vertreiben will. Das malerische Haus samt Werkstatt liegt an einer Bucht der arktischen Barentssee. Nikolai betreibt dort eine Autowerkstatt, die auch besser liefe, müsste er nicht immer noch nebenbei die privaten Fahrzeuge von Polizisten der Umgebung reparieren. Für die Abfindung könnte er sich noch nicht einmal eine völlig runtergekommene Wohnung in einem Plattenbau leisten. Was der Bürgermeister von den „Informationen“ und dem vorgeschlagenen Deal hält, lässt er den Anwalt durch seine „Mitarbeiter“ körperlich spüren.

Szenenbild aus dem Film LeviathanInnerhalb der Familie kommt es auch zu Spannungen. Seine Frau Lilia (Jelena Ljadowa, die schon in „Die Verbannung“ und die Rückkehr“ mitspielte), erträgt die cholerischen Ausbrüche Nikolais immer weniger. Roman (Sergej Pokhodaev), sein Sohn aus erster erträgt genauso wenig, dass sein Vater immer mehr dem Wodka verfällt, lässt Lilia jedoch auch immer deutlich spüren, dass sie nicht seine Mutter ist. Der Familienzusammenhalt bricht unter dem Druck der unheiligen Allianz aus Politik, Wirtschaft und Kirche zusammen und jeder sucht Ventile für seinen Schmerz. Während Nikolai sich mit Wodka berauscht, beginnt Lilia ausgerechnet eine Affäre mit seinem Freund Dmitri. Sein Sohn Roman sucht die Einsamkeit und den Rückzug. Auch mit schwarzem Galgenhumor, der immer wieder in den Dialogen aufbricht, versuchen die Beteiligten der ausweglosen Situation zu trotzen. In der archaischen Landschaft der Küstenregion, die nur darauf gewartet hat, vom Kino entdeckt zu werden, finden sich gestrandete Schiffswracks, aber auch das riesige Skelett eines Wals, Leviathans.

Szenenbild aus dem Film LeviathanSvyagintsev und sein Kameramann Michail Kritschmann filmen keine Einstellung zufällig, sondern setzen ihre gewaltigen Tableus in ruhigen, langsamen Schnitten den Fortlauf der Geschichte kommentierend wie Metaphern zwischen die Handlungselemente. In einer alten verlassenen Kirche verweilt die Kamera auf einem Salome-Fresko. Zu sehen sind der enthauptete Kopf des unschuldigen Täufers Johannes, der Salome auf einem Tablett geliefert wird. Die biblische Metaphorik findet ihren Höhenpunkt nach einem konspirativen Gespräch zwischen dem Bürgermeister und dem Metropolit der Region, der die Machenschaften gutheißt und schönredet. Nach der selbstgefälligen Rede des Vertreters der Orthodoxie zoomt die Kamera das Gesprochene konterkarierend auf eine „Ecce-Homo-Büste“. Mit diesen Worten („Seht, ein Mensch“) ist Jesus von Pontius Pilatus der Menge ausgeliefert worden. Diese symbolische Überhöhung des Helden mag zu pathetisch erscheinen, ist für Zvyagintsev jedoch zwingend, da er nicht die Orthodoxie und den christlichen Glauben kritisieren will, sondern dessen scheinheilige Vertreter. Während die Tragödie ihren unaufhaltsamen Lauf nimmt, verzichtet Zvyagintsev jedoch weitestgehend darauf mittels musikalischer Untermalung den Zuschauer zusätzlich zu manipulieren. Trotz des düsteren Stoffs der Geschichte ist „Leviathan“ sein bisher zugänglichster Film geworden, dessen Geschichte geradlinig erzählt ist und trotz der 142 Minuten Laufzeit keine Längen aufweist. Dieser Film gleicht einem Monolithen, der weit über das zeitgenössische russische Filmschaffen hinausragt, auch wenn in nächster Zeit noch „Under Electric Clouds“ von Aleksej German und Andrej Konchalovskis „The Postmans White Nights“ mit großer Spannung erwartet werden dürfen. Hoffentlich müssen nicht wieder 10 Jahre verstreichen bis ein weiterer Film Zvyagintsevs in den hiesigen Kinos gezeigt wird.

Udo Glasmacher

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