Filmkritik - Das Salz der Erde

(OT: The Salt of the Earth)
Frankreich, Brasilien (Dokumentarfilm/Biographie)
Regie: Wim Wenders, Juliano Ribeiro Salgado
Mitwirkende: Sebastião Salgado, Wim Wenders, Juliano Ribeiro Salgado, Lélia Wanick Salgado, Jacques Barthélémy, Hugo Barbier

Szenenbild Das Salz der ErdeDer Mensch lebt nicht vom Pfand allein. Hin und wieder bedarf er stärkerer Dosen - oder wie unser aller Underground-Poet, Sänger und Songschreiber Nick Cave das Manko angeht: „Wir könnten vermutlich ohne sie (die Kunst) auskommen, aber wir wären dann viel, viel ärmer. Ich könnte in keiner Welt leben, in der ich meine Erfahrungen nicht mit meiner Vorstellungskraft interpretiere ...“ So sehr sich auf dieser Etage die Betrachtungsweisen wechselseitig auf den Füßen stehen – prinzipiell dürfte sich kaum jemand des Sängers Höflichkeit verschließen. Nachdrücklich wie selten illustriert DAS SALZ DER ERDE die Dringlichkeit künstlerischer Nahrungsergänzung. Freilich - angesichts dessen, was der brasilianische Photograph Sebastao Salgado innerhalb der letzten 40 Jahre mit der Camera festgehalten und durchlitten hat, kann man sich kaum dem Zweifel entziehen, ob die Spezies Mensch trotz allem kulturellen Input fähig ist, ihrer eigenen Zukunft noch ein Zuhause zu geben; selbst wenn nicht ständig Bücher brennen, Jahrtausende alte Heiligtümer zerschossen werden oder Heino Freigang hat.

Szenenbild Das Salz der ErdeAn Wim Wenders, dem einzig verbliebenen Säulenheiligen der Ära PAPAS KINO IST TOT (1962), dem Mann auch für gelegentlich verstörend grüblerisches Kunstgewerbe war es, das verdienstvolle Vorhaben zur Herzenssache zu machen. Zwar segelt die Dokumentation der kommerziellen Auswertung wegen unter seiner Flagge. Aber Wim hat auch einen Wum. Nämlich Salgados Sohn Juliano Ribeiro Salgado. Dessen über Jahrzehnte angesammelte Ressourcen ermöglichten erst, dass einem über jeden Verdacht Erhabenen dieses Hochamt in Schwarz-Weiß zugedacht werden konnte; als einzigartige Kooperation, in dem das Team der Star war und aus dem – wie man hört - ziemlich beste Freunde hervor gingen. Wim Wenders schlägt mit dieser SW-Dokumentation, ähnlich seiner Pina Bausch-Hommage (2011), eine grandiose Volte. Schon der Titel lädt zu reizvoller Mehrdeutigkeit ein. Er ist sowohl religiösen Ursprungs („Ihr seid das Salz der Erde“ zitiert die Bergpredigt), als auch einstige Lebensgrundlage in biblischen Zeiten. Bemerkenswert, wie der Regisseur im Sinne einer angemessenen Gewichtung die eigene Präsenz diskret zurück stellt; immerhin hat Wenders auf diesem Sektor selbst einige Meriten vorzuweisen. Einzig das photographische Werk des brasilianischen Multitalents Salgados sollte wirken. Soviel menschliche Hochachtung vor dem Schaffen eines Kollegen ist beileibe keine Selbstverständlichkeit und diese Haltung wertet beide gleichermaßen zusätzlich auf. Dieser Kamera-Virtuose lag ohnehin nicht unbedingt auf der Lauer nach glanzvollen Auszeichnungen. Das lässt sich bereits unschwer aus seinen biographischen Daten ableiten. Im Gegensatz zu „normalen,“ also abgebrühten-erfolgreichen Berichterstattern wäre der Zeitzeuge von internationalen Konflikten, von diversen Kriegen, von Hungersnöten, Vertreibung und humanitären Katastrophen beinahe selbst an der Aufgabe - über seine Fotoreportagen den Blick auf unsere Welt zu schärfen – seelisch zugrunde gegangen.

Szenenbild Das Salz der ErdeDeshalb wandte sich der MAGNUM- Veteran 2004 dem extrem aufwändigen Vorhaben GENESIS zu, „um das makellose Gesicht der Natur und der Menschheit abzubilden.“ Seit dem Frühjahr 2013 liegen bereits zwei Bände in sechs Sprachen (Taschen-Vlg) vor. Dieses Projekt begleitet zeitgleich eine weltweite Wanderausstellung. Dass der SPIEGEL dem Salgado-Porträt ob seines riesigen Zuspruchs in Cannes eine süffisante Benotung mit auf den Weg gab („Silbertolle auf Siegesszug“), sollte nicht irritieren. Sowenig wie der Beitrag andrerseits dem Regisseur bescheinigt, einen „grandiosen Bilderfluss“ inszeniert zu habe. Denn diese Arbeit ist auf ihrem Gebiet ein Monument und kaum anfechtbar. Salgados ästhetisches Credo fußte stets auf der Verwendung einer schwarz-weißen Aufnahmetechnik. Natürlich rennt man in Bezug darauf bei Wenders offenen Türen ein. Folglich drehte der Meister DAS SALZ DER ERDE ebenfalls ausschließlich nach dieser Vorgabe. Dennoch wirkt das Resultat eindeutig farbiger als alles, was Bildbearbeitungsprogramme auf den Markt werfen.

Martin Graetz

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