Filmkritik - Kathedralen der Kultur

Deutschland, USA, Norwegen, Russland, Frankreich 2014 (Dokumentation, Experimentalfilm)
Regie: Wim Wenders, Michael Glawogger, Michael Madsen, Robert Redford, Margreth Olin, Karim Ainouz
Erzähler: Meret Becker

Szenenbild aus dem Film Kathedralen der KulturDer Titel des Films kommt natürlich etwas großspurig daher und man befürchtet schon schlimmstes Bildungsbürgerkino. Der Film holt sein Publikum natürlich nicht gerade vom Schulhof ab, sondern schon eher vom Hörsaal. Wim Wenders trommelt also, angefixt von seinen 3D-Erfahrungen, die er mit dem oscarnominierten "Pina" gemacht hat, 5 weitere Regiekollegen zusammen, um jeweils ein für den jeweiligen Filmemacher herausragendes Gebäude in 25 Minuten zu portraitieren. Erste Erfahrungen auf diesem Gebiet machte Wenders direkt im Anschluss an die Pina-Dreharbeiten als er für die Architekturbienale Vendig 2010 den Kurzfilm "If buildings could talk" lieferte. Die Vorgaben bestanden für alle Kollegen nur darin, in 3D zu drehen und möglichst Überschneidungen der Gebäudefunktionen zu vermeiden, um ein vielschichtiges Bild ansprechender Architektur und signifikanter Gebäude zu präsentieren. Trotz der geringen Vorgaben, ist es ein Film aus einem Guss geworden, der es dem Zuschauer schwer machen dürfte, die einzelnen Regisseure den jeweiligen Filmen zuzuordnen, sind es doch so verschiedene Filmemacher wie Wim Wenders, der tragischerweise kürzlich verstorbene Michael Glawogger, Michael Madsen (nicht der Kill-Bill-Schauspieler), Robert Redford, Margreth Olin und Karim Ainouz.

Szenenbild aus dem Film Kathedralen der KulturAlle Filmemacher reflektieren den Umgang mit 3D schon im Drehbuch. So sehen wir in allen Filmen sehr lange Sequenzen, schwebende Kamerafahrten und statische Einstellungen, die einem Film über Architektur angemessen sind. Auf rasche Perspektivenwechsel, Zooms und hektische Schnitte wird verzichtet, da das Gehirn und damit das Auge eigentlich mehr Zeit benötigen um sich auf Dreidimensionalität einzustellen, auch wenn dies beim gängigen Action-3D komplett ignoriert wird. Das Verhältnis des einzelnen Menschen, aber auch von Gruppen sowie soziologische Wechselwirkungen mit dem jeweiligen Gebäude bilden einen weiteren gemeinsamen Nenner. Ein besserer und poetischerer Name für den Film wäre der schon vergebene "If buildings could talk" gewesen, denn es sind die Gebäude die hier zu den Menschen sprechen. Natürlich sowohl im metaphorischen Sinn als auch ganz konkret durch männliche oder weibliche Off-Stimmen, die eine Beseeltheit der Gebäude betonen. Bis auf eine Ausnahme, der Haftanstalt Halden in Norwegen (Michael Madsen) entsprechen alle Gebäude der Vorstellung von Kathedralen der Kultur,auch wenn kein einziges Sakralgebäude porträtiert wird. Im Konzertsaal, der Bibliothek, dem Opernhaus, dem Museum sowie dem Wissenschaftlichen Institut lernen wir die Menschen kennen, die dort arbeiten und diejenigen, die es besuchen. Besucher sind in der Regel begeistert und fasziniert, während die dort Arbeitenden einem gewissen Abnutzungseffekt erlegen sind, aber auch immer stolz, Teil des jeweiligen Organismus zu sein.

Szenenbild aus dem Film Kathedralen der KulturWenders ist seit seinem Miles Davis Konzertbesuch in den 70ern begeistert von der leichten Modernität der Berliner Philharmonie (1960-1963), die auch jetzt vierzig Jahre später immer noch gilt. In "Himmel über Berlin" nutzte er die 10 Jahre jüngere gegenüberliegende Bibliothek, ebenfalls von Hans Scharoun, schon als Wohnort der Engel. Begeistert und mit liebevollem Blick auf seine Nutzer wird einem auch durch die Erzählstimme Meret Beckers, der offene und demokratische Ansatz, des Konzertsaals vermittelt, der das Orchester erstmals in die Mitte der asymmetrisch angeordneten Ränge rückt und dadurch neue Formen der Interaktion und Rezeption zwischen Musikern und Publikum ermöglichte.

Szenenbild aus dem Film Kathedralen der KulturMichael Glawogger wollte unbedingt eine Bibliothek filmen und entschied sich schließlich für die Russische Nationalbibliothek in St. Petersburg, die 1814 von Carlo Rossi fertig gestellt wurde. Hier lässt er nicht das Gebäude selbst erzählen, sondern eine Kakophonie aus Passagen von Dostojewskis` und Puschkins` Texten kommentiert das Gebäude und die Gedankenwelt der darin arbeitenden und lesenden Menschen. Aus einem für den Zuschauer sich nicht erschließendem, aber faszinierendem Labyrinth der sympathisch überalterten Magazinsysteme und geschäftig wuselnden Bibliothekarinnen, wird man im Finale in den hellen und meditativen Lesesaal geführt.

Szenenbild aus dem Film Kathedralen der KulturNach längeren Diskussionen wurde auch das moderne und human wirkende Gefängnis in Halden, Norwegen in den Kreis der Kulturkathedralen aufgenommen, dessen Wände mit banksyartiger streetart geschmückt sind und die Aufseher gemeinsam lachend in einem luftigen Birkenwald mit den Insassen Basketball spielen. Das klösterlich anmutende Salk-Institut von Louis Kahn wird von Redford etwas redundant in das goldene Licht kalifornischer Sonne getaucht. Alle Filme, auch die über die Oper von Oslo und über das Centre Pompidou zeigen und feiern Ihre Protagonisten als stein-, beton- und glasgewordene Ideen ihrer Epoche, die mit Inspiration und Transparenz den Test der Zeit überdauern werden.

Udo Glasmacher

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