Filmkritik - Gone Girl - Das perfekte Opfer

USA 2014 (Drama, Thriller)
Regie: David Fincher
Darsteller: Ben Affleck, Rosamund Pike, Neil Patrick Harris, Tyler Perry, Carrie Coon, Kim Dickens, Patrick Fugit, David Clennon u.a.

Szenenbild aus dem Film Gone Girl – Das perfekte OpferEs ist der fünfte Hochzeitstag von Amy und Nick - und Tag eins von Amy´s Verschwinden. Abgesehen von ein paar Kampfspuren gibt es keinerlei Hinweise, was geschehen sein könnte. Nur eins ist klar: Amy ist weg! Und während sich nun die Polizei auf die Suche nach ihr macht, werden wir durch illustrierte Rückblenden aus Amy’s Tagebuch über die letzten fünf Jahre aufgeklärt. Vom Beginn ihrer Beziehung bis zum Tag ihres Verschwindens. Natürlich werden auch Familie, Nachbarn und Nick von der Polizei verhört. Doch im Laufe der Untersuchungen verschwinden die meisten Spuren im Nichts. Dafür tauchen Widersprüche in Nicks Aussagen auf. Und je mehr Details ans Licht kommen, um so mehr zerbröselt die Fassade der angeblich glücklichen Ehe. Und schon bald fragen sich Polizei, Familie und natürlich auch die besorgten Medien: Hat Nick vielleicht seine Frau umgebracht? Aber dann bekommen als wir Zuschauer einen entscheidenden Hinweis. Blöd nur, denn damit entstehen mehr Fragen als beantwortet werden. Und auch ich werde den Teufel tun und hier verraten, wie es weiter geht. Nur so viel: Es wird nicht die letzte Überraschung des Filmes sein.

Szenenbild aus dem Film Gone Girl – Das perfekte OpferUnd so ist Gone Girl – Das perfekte Opfer nicht nur der aktuelle Rekordhalter in Sachen Handlungswendungen, sondern dabei auch noch extrem vielschichtig, was die Interpretations- und Rezeptionsweisen angeht. So widmet sich zum Beispiel eine Subebene unterhalb der Thriller-Handlung den Themen Täuschung und Manipulation, was ziemlich clever ist, da sich der Film ja auch inhaltlich damit beschäftigt. Eine andere ist die Rolle der Medien. Und auch ohne blind auf sie einzudreschen bekommen sie ihr Fett ab. Dafür reicht eine besonders präzise Darstellung ihrer Mechanismen. Denn bis zum Schluss stochert der Medienzirkus im Dunkeln. Was ihn aber nicht davon abhält, mit unerschütterlicher Selbstgefälligkeit die Schlagzeilen zu produzieren, die die breite Öffentlichkeit fordert. Bei der Schwarz-Weiß-Malerei kommen weder Selbstinszenierung noch Quote zu kurz. Dazu kommen die beiden offensichtlichsten Ebenen: Zum einen der Krimi und das Psychogramm einer Ehe, in der Anschein und Wirklichkeit nicht immer deckungsgleich sind. Also, eine völlig normale! – Oder?

Szenenbild aus dem Film Gone Girl – Das perfekte OpferAuch diese Genres bedient David Fincher mit beeindruckender Präzision und erweist sich mal wieder als einer der künstlerisch ambitionierten Regisseure der Blockbuster-Liga. Mit handwerklicher Finesse und spürbarer Lust an struktureller Feinstarbeit verwebt er sowohl inhaltliche, als auch formale Details. Ich denke, es liegt an Finchers Detailbesessenheit, dass mir während des Films immer wieder ein alter und gar nicht so schlechter Werbespruch für einen eher mittelmäßigen Whiskey in den Sinn kam, der da lautete: „The more you know about Scotch, the more loyal you are to Ballantine's". Und jetzt ersetzen wir Scotch durch Movies und Ballintines durch Fincher … und schon wird ein Schuh draus. Es ist wirklich so. Je mehr man selber über die Feinheiten der Filmsprache und ihrer speziellen Akzente weiß, umso mehr Spaß hat man an diesem Film, weil Mister Fincher multilingual und mit Freude an einer deutlichen (Aus-) Sprache hier ein Kunstwerk von besonderer Güte geschaffen hat.

Was die Freude noch ein bisschen steigert, ist der Umstand, dass sein Film zwar extrem komplex, aber nicht kompliziert ist. Denn, selbst wenn man ihn ausschließlich als Thriller betrachtet, funktioniert er tadellos. Auch wenn man als Zuschauer sich mehr als einmal umorientieren muss, kann man der Handlung und den dahinter stehenden Charakteren ohne Probleme folgen. Man könnte noch viel über Gone Girl – Das perfekte Opfer sagen; aber Delikatessen geniest man am besten selbst und lässt sie sich nicht nur vorkauen.

Peter Dickmeyer (MOV!E D!CK)

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