Filmkritik - Das Salz der Erde

(OT: The Salt of the Earth)
Frankreich, Brasilien (Dokumentarfilm/Biographie)
Regie: Wim Wenders, Juliano Ribeiro Salgado
Mitwirkende: Sebastião Salgado, Wim Wenders, Juliano Ribeiro Salgado, Lélia Wanick Salgado, Jacques Barthélémy, Hugo Barbier

Szenenbild Das Salz der ErdeNach dem sehr erfolgreichen Dokumentarfilm "Pina", der in 3D die Arbeit von Pina Bausch angemessen experimentell inszenierte, drehte Wim Wenders eine weitere Dokumentation über den von ihm bewunderten Photographen Sebastiao Salgado. In Cannes erlebte der Film seine Weltpremiere, wurde vom Publikum mit minutenlangen Ovationen gefeiert und bekam den Spezialpreis der Sektion un certain regard. Schon in den Filmen "Notizen zu Kleidern und Städten" über den Modeschöpfer Yohji Yamamoto sowie den Buena Vista Social Club nahm sich Wim Wenders als Regisseur sehr zurück, interpretierte kaum, sondern ließ die Künstler oder Ihre Arbeit (Mode, Musik) sprechen. Vor 25 Jahren schon begeisterte sich Wenders für die Photographien Salgados. In einer Galerie entdeckte er zwei Bilder des ihm bis zu diesem Zeitpunkt unbekannten Künstlers. Er ließ sie rahmen und seit dieser Zeit hängen sie über seinem Schreibtisch. Aber erst seit 6 Jahren kennen Salgado und Wenders sich persönlich. Sebastiao und sein Sohn luden ihn schließlich ein, diesen Film, den sie schon seit einiger Zeit geplant hatten, gemeinsam mit ihnen zu realisieren.

Szenenbild Das Salz der ErdeWenders und Salgado verbindet nicht nur die gemeinsame Arbeit an diesem Projekt, sondern auch ihre Liebe zur Photographie und Schwarz-Weiß-Bildern. Wenders Filme "Alice in den Städten", "Im Lauf der Zeit", sowie "Der Himmel über Berlin" sind in kontrastreichem Schwarz-Weiß gedreht. Viele Protagonisten in Wenders Filmen fotografieren und dokumentieren so ihren Blickwinkel auf den Stand der Dinge. Beide verbindet zudem ein manchmal zu hohes Maß an Pathos und Monumentalisierung ohne dass sie es sich eingestehen würden. Für den Film über und mit dem berühmten Fotografen Sebastiao Salgado entwickelte Wenders eine Telepromptermethode, die es ermöglichte, das Salgado gleichzeitig seine eigenen Bilder in einer Dunkelkammer sah, diese kommentierte und durch den Teleprompter hindurch in die Kamera blickte. So sieht man bis auf wenige Momente nie den Interviewer Wenders, sondern der Raum wird zunehmend dem spannend erzählenden Salgado überlassen, dessen kahler, kantiger Schädel wie aus dem Dunkel herausgemeißelt erscheint. Sein melancholisches Gesicht verschwimmt durch diese Herangehensweise mit seinen eigenen Arbeiten.

Szenenbild Das Salz der ErdeSalgado stand eine internationale Karriere als Ökonom bevor, doch er entschied sich mit seiner Frau Lélia gegen diese sicherere Laufbahn und gründete eine eigene Agentur zur Vermarktung seiner Fotoarbeiten, die ab 1973 parallel entstanden sind, nun aber Vorrang vor der Wirtschaftslaufbahn bekamen. Salgado unternahm unzählige Reisen in die entlegensten Winkel dieser Erde, um die Folgen von Kriegen, Katastrophen, Völkermorden für den Menschen zu dokumentieren. Er nahm dabei immer den Blickwinkel der Opfer ein und schuf zahllose monumental anmutende Ikonen des Leids. Oft konnte er mit seinen Arbeiten den Blickwinkel der Weltöffentlichkeit auf diese Katastrophen lenken, die zuvor in den Medien nur als Randnotiz wahrgenommen wurden. In all diesen absurden Zuständen, sei es eine Goldmine in Brasilien, Hungersnöte in der Sahelzone oder dem Völkermord in Ruanda, zeigt Salgado die Menschen in ihrer Würde und mit vollem Einverständnis der Portraitierten. Salgado selbst, gibt sich bescheiden und sieht seinen eigenen Anteil an der Qualität der Bilder auf ein Minium reduziert, denn jedes seiner eindrücklichen Portraits sei nur ein Geschenk des Fotografierten, der sich dem Blick seiner Kamera öffne.

Szenenbild Das Salz der ErdeAber auch die Toten, die kein Einverständnis geben konnten, werden in Salgados monumentale Projekte einbezogen und fotografiert. Der Film enthält sich eines Kommentars, lässt jedoch durch Ton und Duktus keinen Zweifel aufkommen, dass Salgado niemals die Würde der Menschen verletzte und ihm kein Voyeurismus unterstellt werden kann. Er lebte bei allen Projekten immer für längere Zeit mit den Menschen, um ihr Leben und Ihre Lage zu verstehen. Aus ihrer Mitte heraus dokumentierte er dann auch, die Rituale für die verstorbenen Opfer der Katastrophen. Irgendwann wurde ihm jedoch all das dokumentierte Leid zu viel und er steckte in einer persönlichen und künstlerischen Krise. Er zog sich zurück auf das verdorrte Landgut seines Großvaters in Brasilien, begann gemeinsam mit seiner Frau das durch Abholzung zerstörte Land wieder aufzuforsten und gründete das Instituto Terra. Inzwischen hat sich das Land in ein blühendes Paradies verwandelt, in dem über zwei Millionen Bäume zur Wiederbelebung des Atlantischen Regenwaldes gepflanzt wurden. Die belebte Natur gab Salgado wieder die Kraft, um im Genesis-Projekt unberührte Landschaften und Völker, die im Einklang mit der Natur leben zu fotografieren. So sind sowohl der Film als auch die Photographien gleichzeitig von großer Trauer und Wut über die zerstörerische Kraft des Menschen geprägt, zeugen aber auch von der Hoffnung, die Salgado und Wenders aus der unberührten Natur schöpfen, die immer noch die Hälfte unseres Planeten ausmachen soll.

Udo Glasmacher

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