Filmkritik - Boyhood

USA (Drama)
Regie: Richard Linklater
Darsteller: Patricia Arquette, Ethan Hawke, Ellar Salmon, Evie Thompson, Nick Krause, Lorelei Linklater, Tamara Jolaine, Zoe Graham, Shane Graham u.a.

Szenenbild aus dem Film BoyhoodDieser Streifen ist in mehrfacher Hinsicht ein Novum. Gewöhnlich verweist allein die Filmlänge von knapp drei Stunden auf ausgetretene Pfade. Nicht so bei der zeitgemäßen Reifeprüfung des (neudeutsch) „Coming-of-Age- Themas von Richard Linklater. Weder ermüdet oder langweilt sein Berlinale-Wettbewerbsbeitrag, noch hat man das Gefühl, einer substanzlosen Endlosschleife beizuwohnen. Dennoch könnte in Einzelfällen jene Nebenwirkung eine Rolle spielen. Denn der Autodidakt Linklater hat es so gar nicht mit technischen Innovationen. Und die dominieren nun einmal das aktuelle Kino. Sein populärstes Werk etwa (die „BEFORE“ - Trilogie) zauberte eher komplexe Charaktere und nachvollziehbare Konflikte im privaten Bereich auf die Leinwand. Wer die zeitliche Abfolge ihrer Entstehung nicht kennt, mag darin eine Fingerübung für BOYHOOD sehen. Tatsächlich jedoch hat der Regisseur bereits vor dreizehn Jahren den physischen wie den psychischen Entwicklungsprozess der Kindheit über die Pubertät bis hin zum vollen Erwachsensein ins künstlerische Visier genommen – ein Jugendportrait der bislang einmaligen Art und in Berlin nicht grundlos mit dem Silbernen Bären gewürdigt.

Szenenbild aus dem Film BoyhoodEs stellt die Chronik einer Lebensphase nahezu in Echtzeit dar. Erstaunlich genug, dass Film-Reflexionen über das Gleichgewicht des pubertären Schreckens noch nie in vergleichbarer Form gewagt wurden. Zugegebenermaßen stößt schon ein derartiger  Versuch schnell an merkantile Grenzen; eher werfen Investoren einer Synchron-Stimme wie Cameron Diaz 30 Mio. Dollar (für „Shrek der Dritte“) hinterher, als ambitionierte Projekte dieser Güteklasse mit einem 12-Jahresvertrag auszustatten. Umso schöner, dass Linklater diese in Granit gemeißelte Regel irgendwie durchbrechen konnte und sein Publikum am gefühlsechten Wechselspiel von Abschied und Aufbruch des Protagonisten teilhaben lässt.

Szenenbild aus dem Film BoyhoodSpektakulär ist es nicht gerade, wie sich der anfangs sechsjährige Mason (Ellar Coltrane) innerhalb seiner Patchworkfamilie durchschlägt. BOYHOOD besticht stattdessen mit reichlich Potential an chronologischer Montage, die den Zuschauer emotional in den Schwitzkasten nimmt. Dabei erlaubt sich der Film nicht einmal dramaturgische  Zuspitzungen; für ihn ist das Leben ein langer und manchmal sehr ruhiger Fluss. Wenn sich gegen Ende der inzwischen achtzehnjährige Sohnemann anschickt, das mütterliche Nest zu verlassen und dies Mum (Patricia Arquettee) einigermaßen ernüchtert zur Kenntnis nimmt, dann senkt sich über das Epos der Mannwerdung angemessene Melancholie. Für Mason indes heißt es: Auf zu neuen Ufern. Aufstehen zählt schließlich zur Kernkompetenz Jugendlicher. Und bis zur Erkenntnis, dass der Mensch kein Selbst, sondern nur eine Funktion in einer Gemeinschaft hat, ist es noch lange hin.

Szenenbild aus dem Film BoyhoodDen speziellen Charme dieser Adoleszenz- Geschichte bezieht das Drehbuch vor allem aus der famosen Idee, die zu beschreibenden Erlebnisse Masons von ein und demselben männlichen (Haupt)-Darsteller verkörpert zu sehen, Realität und Fiktion quasi auf einen Nenner zu bringen, dem richtigen Leben bei der Arbeit zuzuschauen. Und Ellar Coltrane macht dabei einen verdammt guten Job. Ob BOYHOOD freilich das Prädikat des „schönsten Films des Jahres“ zuzuerkennen ist (wie ein Medienonkel im Überschwang fabulierte), bleibt angesichts der Jahreszeit abzuwarten. An vorderster Front ist er allemal  richtig platziert.

Martin Graetz

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