Filmkritik - Birdman oder (Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit)

(OT: Birdman)
USA 2014 (Komödie, Drama)
Regie: Alejandro González Iñárritu
Darsteller: Michael Keaton, Edward Norton, Zach Galifianakis, Emma Stone, Naomi Watts, Jeremy Shamos, Andrea Riseborough, Damian Young, Akira Ito u.a.

Szenenbild aus dem Film Birdman oder (Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit)Michael Keatons Rolle in Birdman heißt Riggan Thomson. Dieser ist wie er, ein in die Jahre gekommener Schauspieler, hinter dessen Namen seit einigen Jahren "Birdman" wie ein zweiter Vorname in Klammern steht. Alles begann mit der Rolle des gleichnamigen Leinwand-Superhelden, die ihm Bekanntheit, Ruhm und Reichtum eingebracht hat und das nicht zu knapp. Doch leider wird Thomson seitdem mit der künstlerisch eher anspruchslosen Rolle in einen Topf geworfen - wenn nicht sogar gleichsetzt. Und so hat sich seine Leinwandidentität wie ein Schatten über ihn und seine schauspielerischen Ambitionen gelegt. Das wofür ihn seine Fans lieben, sorgt gleichzeitig dafür, dass ihn der Rest der Welt für eine Nullnummer hält und sein Therapeut nicht arbeitslos wird. Ein Schicksal, welches er mit vielen Stars teilt (egal ob beim Film, in der Musik oder anderen künstlerischen Bereichen), denen ein überdimensionaler Erfolg zugleich Segen als auch Fluch wurde. So wie zum Beispiel für Michael Keaton, dem seit seinen Batman-Auftritten auch nur noch wenig anderes zugetraut wurde, als mit spitzen Ohren und dunklem Umhang das Böse zu jagen. Insofern ist er die perfekte Besetzung für Riggan Thomson, dessen Schicksal ihm vertraut sein müsste. Und ich bin mir sicher, dass das ein nicht unwichtiger Teil des Filmkonzepts ist.

Szenenbild aus dem Film Birdman oder (Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit)Zurück zum Film. Jetzt im gereiften Alter erkennt Thomson, dass es nicht mehr allzu viele Chancen geben wird, wenn er der Welt noch mal zeigen will, was wirklich in ihm steckt. Und so plant er unter eigener Regie sein Comeback am Broadway. Das Stück das er inszeniert soll ihn als Schauspieler rehabilitieren. Denn es ist, mehr als es irgendjemand ahnt, ein Seelenstriptease live on Stage. Doch Produzenten, Familie, Mitschauspieler, Fans und nicht zuletzt sogar sein Alter Ego “Birdman“ mischen sich ins Geschehen ein. Selten zuvor konnte man so tief in eine Schauspielerseele schauen wie hier. In die Abgründe und Strudel, die dieses Business als Wechselgeld für seine Bewohner bereit hält. Dabei ist das Portrait von Riggan Thomson gleichermaßen ein Allegorie und Stereotyp für eine ganze Branche, gleichzeitig aber auch maximal individualisiert. Eine dramaturgische Bravourleistung, die natürlich nur mit brillanten Schauspielern umsetzbar ist. Und so gelingt Keaton das, was die von ihm gespielte Figur manisch versucht - sich nämlich als ernstzunehmenden Schauspieler zu etablieren. Wie gesagt, Keaton weiß nur zu allzu genau, worunter Riggan Thomson leidet. Aber auch der Rest des Ensembles leistet Rekordverdächtiges. Zum Beispiel Edward Norton, der einen Schauspieler spielt, der anderen Schauspielern einen Schauspieler vorspielt. – Oder umgekehrt. Der Mann wechselt die Metaebenen, wie andere die Schusswaffen.

Szenenbild aus dem Film Birdman oder (Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit)Neben diesem Fest feinster Schauspielkunst, bietet Birdman aber auch inszenatorische Höchstleistungen. So ist der Film unter anderem (nahezu) komplett ohne sichtbare Schnitte gestaltet, was die enge Verwobenheit von Personen, Handlung und Motivationen auf eine für den Zuschauer spürbare Ebene hebt. Diese Plansequenzen bei denen mit jeder Bewegung der Personen, jeder Kamerafahrt, jedem Schwenk, jedem Schritt, jeder Fokusveränderung neue Szenerien, neue Spielräume entstehen, sich Zeiten, Orte und Zustände verändern, sind eine bislang so noch nie gesehene Glanzleistung der Choreografie von Kamera und Schauspieler, gegen die ein Schweizer Uhrwerk gerade mal die Präzision einer Sonnenuhr hat. In Kombination mit digitaler Nachbearbeitung, die diskret aber sehr effektvoll eingesetzt wurde, entsteht eine Erzähldichte, man müsste eigentlich ein Erzählstrudel sagen, der den aufmerksamen Zuschauer tsunamigleich mitreißt. Und derjenige, der das hier alles geschrieben hat, hat entweder selber ein vergleichbares Schicksal hinter sich oder ist maximal empathisch mit Qualifikation zum Spitzenpsychologen. Respekt.

Szenenbild aus dem Film Birdman oder (Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit)Mein Fazit: Jede Seele, die sich jemals mit der Unterforderung oder Beschneidung der eigenen Ansprüche abfinden musste, wird sich auf die eine oder andere Weise in diesem Film wiederfinden. Was ihn unter anderem auch zu einem Trostspender macht und den Funken Öffnung, der einen davon abhält im Zynismus zu ertrinken. Und so ist „Birdman“ nicht - wie der erste Eindruck vielleicht vermittelt - ein weiteres Comic-Helden-Action-Haudrauf-Feuerwerk, sondern vielmehr ein höchst sensibles Psychogramm eines „Ritters von trauriger Gestalt“, der gegen Mächte kämpft, die er einst gerufen hatte, aber nie wieder los geworden ist. Doch der Film hat noch viele andere Ebenen. Und dafür liebe ich ihn. Für mich wäre es mehr als vertretbar, wenn Birdman bei der nächsten Oscar-Verleihung als „bester Film“, für die „beste Regie“, den „besten Hauptdarsteller“, die „beste Hauptdarstellerin“, den „besten Nebendarsteller“, die „beste Kamera“, das „beste Drehbuch“ und den „besten Ton“ ausgezeichnet würde. Weniger wäre schon ein bisschen ungerecht.

Peter Dickmeyer (MOV!E D!CK)

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