Filmkritik - Die neue Wildnis - Große Natur in einem kleinem Land

Niederlande 2013 (Dokumentarfilm)
Regie: Mark Verkerk

Szenenbild aus dem Film Die neue Wildnis - Große Natur in einem kleinem LandVon Fall zu Fall lässt sich der technikorientierte Homo Sapiens kurzweilige Gegenkonzepte zu seiner Hamsterrad-Existenz einfallen. Einst war er gut bedient wenn der Berg ruft. Aktuell trachtet er vermehrt über die individuelle Duftmarke hinaus seiner verdrahteten Welt etwas von den Ur-Reizen der Natur abzugewinnen. Unwahrscheinlich, dass sich die Krone der Schöpfung dabei - etwa ihrer inzwischen unkontrollierbaren Errungenschaften wegen - auf das evolutionäres Erbe besinnt. Eher kann man unterstellen, dass Teile der Zivilisation die komplexe Wirklichkeit schlicht ausblenden. Ein modischer Lockruf der Wildnis wird es aber kaum richten. Ob der angesagten Renaissance einer freien Wildbahn plus biologischer Vielfalt eine zukunftsträchtige Ära beschieden ist, darf aus mehreren Gründen angezweifelt werden. Ungeachtet des allenthalben spürbaren Unmuts in Bezug auf gesellschaftliche Fehlentwicklungen, muss dieses spezielle „back to the roots“ – Phänomen zudem mit merkantilen Wucherungen leben. Der Nationalpark Eifel bemüht sich schon eine ganze Weile seinen Besuchern (wieder) „die Faszination Wildnis hautnah erlebbar zu machen“. Genaugenommen ist diese Definition jedoch ein Widerspruch in sich: Wie kann sich die Natur frei und ungestört von äußerer Beeinflussung entwickeln, wenn das jeweilige Areal beliebig als Meditationswiese wie der Randale dient?

Szenenbild aus dem Film Die neue Wildnis - Große Natur in einem kleinem LandMit der außerordentlichen Dokumentation aus den Niederlanden verhält es sich offenkundig anders. 30 km nordöstlich von Amsterdam zwischen Almere und Lelystad liegt ein 5.600 Hektar großes Gelände, das zwar von Menschenhand geschaffen wurde, aber zu den fast unberührten Naturlandschaften Europas zählt. Regisseur Mark Verkerk setzte auf dem vergleichsweise kleinen Fleckchen Erde ein Stück holländischer Wildnis in Szene, das den großen BBC-Spektakeln mindestens ebenbürtig ist. Das Zuschauerecho auf die EMS-FILMS Produktion war und ist bei unseren Nachbarn beträchtlich. DIE NEUE WILDNIS avancierte dort zum erfolgreichsten Film des vergangenen Jahres - für eine Dokumentation sensationell und nicht umsonst entsprechend mit Preisen gewürdigt. Nahezu zwei Jahre nahm sich das Filmteam um Verkerk Zeit, die schier unglaubliche Artenvielfalt und ihren faszinierenden Lebenszyklus aufzuzeigen. Wobei insbesondere erstaunt, wie phantastisch das ökologische System mit den speziellen Gegebenheiten in Küstennähe klarkommt. Zumeist arbeitet sich das Genre ja attraktivitätsbewusst durch Wüsten, Wälder und Gewässer ferner Länder. Diese Ausnahmearbeit bezieht ihre Bilder mitten aus Europas dicht besiedelter Ecke. Aus einer ehemaligen Brachlandschaft, die Anfang der 70ger Jahre ursprünglich für industrielle Ansiedlungen gedacht war entwickelte sich ein Kleinod von Flora und Fauna. Dank der kameratechnischen Weiterentwicklung wird die GROSSE NATUR IN EINEM KLEINEN LAND zu einem sowohl ästhetischen wie informativen Fest der Sinne, das den Kreislauf des Lebens auf nie gesehene Weise veranschaulicht und somit absolut familientauglich ist.

Martin Graetz

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