Filmkritik - American Sniper

USA 2014 (Drama/Kriegsfilm)
Regie: Clint Eastwood
Darsteller: Bradley Cooper, Sienna Miller, Kyle Gallner, Elise Robertson, Troy Vincent, Marnette Patterson, Luke Grimes, Sammy Sheik, Navid Negahban u.a.

Szenenbild aus dem Film American SniperWas trägt die schwarz verhüllte Frau unter ihrer Kleidung? Was reicht sie dem Jungen da? Ist es eine Granate, mit der sich Mutter und Sohn dem amerikanischen Konvoi nähern? Die Aufgabe von Chris Kyle (Bradley Cooper) ist es, die Truppen vor Anschlägen und anderen Scharfschützen zu bewahren. Also liegt Kyle unter der sengenden Sonne Iraks auf irgendeinem staubigen Dach und fixiert die Umgebung durchs Zielfernrohr. Den Finger beharrlich am Abzug, beobachtet er jede Bewegung. Jeder Mensch ist erst einmal eine potenzielle Gefahr für seine Leute. Und der Scharfschütze das Auge der Kommandozentrale, mit der er stets über Funk verbunden ist. Doch die Entscheidung über Leben und Tod seiner menschlichen Ziele, die muss am Ende er allein treffen. Und von seiner Entscheidung hängt nicht nur das Leben seiner Kameraden ab, er riskiert bei jedem Schuss, dass er sich für einen Fehler vor dem Militärgericht verantworten muss. Clint Eastwood hat das wahre Leben des Chris Kyle, dem vermeintlich präzisesten und „erfolgreichsten“ Scharfschützen der US-Militärgeschichte, verfilmt.

Szenenbild aus dem Film American SniperIst American Sniper also nichts anderes, als ein die Gewalt, die Ästhetik der Präzisionswaffe und den Krieg glorifizierender, von US-Patriotismus triefender Streifen? Wer den Film darauf reduziert, wird ihm gewiss nicht gerecht. Man kann das sicherlich durchaus so sehen, dass Clint Eastwood in seinem Film ein einseitiges Bild des Irakkriegs zeichnet. Es gibt aber auch eine andere Ebene des durchaus sehenswerten Films, der zwar für sechs Oscars nominiert, aber letztlich nur für den besten Tonschnitt ausgezeichnet wurde. Die Entscheidung der Academy war gewiss auch von der kontroversen Diskussion über den Film geprägt. Amerika debattierte in den Medien heftig darüber, ob es sich nun um einen Kriegs- oder einen Antikriegsfilm handelt. Wie schwierig da die Grenze zu finden ist, das hat  Betty J. Viktoria in ihrer historischen Analyse von 2006 („Gibt es Antikriegsfilme?“) dargestellt. Wie lässt sich die Sinnlosigkeit von Kriegen am besten darstellen? Gar nicht so einfach zu beantworten, wenn man die Gewalt nicht ästhetisieren, ihr nicht das Heft des Handelns überlassen will. Die Reihe der Versuche ist lang und reicht von Filmen wie „Im Westen nichts Neues“ (1930) über „Hunde, wollt ihr ewig leben?“, „Die Brücke“ (beide 1959), „The Deer Hunter“ (1978) bis „Apocalypse Now“ (1979) und „Black Hawk Down“ (2001).  

Szenenbild aus dem Film American SniperMit „Flags of Our Fathers“ und „ Letters from Iwo Jima” beleuchtete Clint Eastwood 2006 den Mythos um die Schlacht um Iwojima im Pazifikkrieg aus zwei Perspektiven, einmalaus der amerikanischen, einmal aus der japanischen, und räumte mit so manchem Glorienschein, der über den vermeintlich heldenhaften Kämpfen um die Insel lag, gründlich auf. So gründlich, dass er damals gar als „Vaterlandsverräter“ beschimpft wurde. Es war mehr als ein Epos über die Sinnlosigkeit von Kriegen, hier ließ Eastwood die Tugenden vom Heldentum im Blitzlichtgewitter der PR-Strategen verschwimmen. Und auch in American Sniper fühlt sich Chris Kyle nicht als Held. Dafür ist er viel zu sehr gefangen in der harten Erziehung seines Vaters, in dessen Weltbild es im Leben nur Schafe, Wölfe und Schafshüter gibt, er ist viel zu sehr von der Pflichtbesessenheit bestimmt, zu der ein Junge aus dem mittleren Westen eben erzogen wird, für den der Dienst fürs Vaterland noch eine sprichwörtliche Bedeutung hat. Und so kann das eher schlichte Gemüt des Filmhelden kaum Verständnis für jene völlig demoralisierten Soldaten aufbringen, die vor dem Wahnsinn des Häuserkampfs im Irak am liebsten fliehen wollen und den Einsatz Amerikas so fern von der Heimat in Frage stellen. Und diese Pflichtbeflissenheit ist es auch, die den wahren Kyle wie auch den von Bradley Cooper so hervorragend gespielten sagen lässt: „Es sind nicht die vielen geretteten Soldaten, die meine Gedanken prägen, es sind die, die ich nicht retten kann.“

Szenenbild aus dem Film American SniperEastwood konzentriert sich in American Sniper auf den Menschen Chris Kyle, für den die Front im Zeitalter der modernen Kommunikationsmittel völlig zu verschwimmen scheint. In Zeiten, wo sich Drohnen vom klimatisierten Büro aus, viele tausend Meilen vom eigentlichen Kampfgeschehen entfernt, steuern lassen, liegt der Scharfschütze Chris Kyle mitten drin im dreckigen Kampf und sieht den Krieg, wie er nun mal ist: blutig, gefährlich, bedrohlich und so furchtbar gemein, ein Ort, an dem man niemandem trauen darf. Und das prägt einen Menschen. Das lässt sich nicht einfach abstreifen. Wie unwirklich wirkt das Leben da, wenn man nach Haus zurückkehrt zwischen den Einsätzen, zu den sauberen Gärten, zum Grillfest mit den Nachbarn und den nichtigen Problemen der Ehefrau? Und Kyle bringt die Front nicht nur beim Urlaub mit nach Hause. Über Satellitentelefon wird seine Frau Taya Renae Kyle (Sienna Miller) oft Ohrenzeugin bei den Einsätzen ihres Mannes. Was für ein unglaublicher Wahnsinn! Die hochschwangere Taya steht mit den Einkäufen vor dem Supermarkt in Texas, während ihr Mann unter Beschuss um sein Leben läuft. „Wir wissen, dass Krieg die Hölle ist“, erklärte Executive Producer Jason Hall. „Was wir zeigen wollten ist, dass Krieg ein Ding von Menschen ist.“ Es sei ihm um die „immateriellen Wunden des Krieges“ gegangen, erklärt Eastwood selbst. „Die Seele des Films und was die Geschichte treibt, das sind die Beziehungen: zwischen Chris und seinen Kameraden, und insbesondere zwischen Chris und Taya, was die zentrale Beziehung in dem Film ist.“ Chris war verrückt nach ihr, aber sein „Mantra“, wie es Eastwood nennt, zwingt ihn, seine Pflichten gegenüber seinem Land zu erfüllen. Ein Mann, der hin- und hergerissen wird, zwischen den Pflichten fürs Vaterland und den Pflichten für die Familie.

Am Ende wird Kyle, der sich zu Hause um Veteranen kümmert, von einem traumatisierten Kameraden erschossen. In den USA läuft derzeit der Prozess gegen den ehemaligen Elitesoldaten Eddie Ray Routh. Das alles zeigt der Streifen auf Wunsch der Witwe nicht. Stattdessen folgt die Kamera im Abspann dem Trauerzug über die verregnete Autobahn, an der viele Menschen mit amerikanischen Fahnen dem Scharfschützen die letzte Ehre erweisen. American Sniper – kein Film fürs kurzweilige Konsumieren, eher einer, der zum Nachdenken zwingt und gerade deswegen so sehenswert ist.

(Cem Akalin)

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